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Kinder und Jugendliche auf Psychopharmaka: eine verhängnisvolle Mischung

Wenn junge Menschen dauerhaft Medikamente bekommen, wird deren Notwendigkeit nur selten hinterfragt.

© Christina Bieber / Pixelo.de

Michael ist 14 Jahre alt und lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft. Seit seinem Einzug ist er immer wieder Freiheitsbeschränkungen ausgesetzt, wobei er sehr regelmäßig mit einer Übermacht von BetreuerInnen, die ihn festhalten, konfrontiert ist. Außerdem erhält er seit vier Jahren eine Dauermedikation von Psychopharmaka in unterschiedlichen Dosierungen und Kombinationen.
Als die Bewohnervertretung das erste Mal auf Michael traf, sahen sie einen jungen Mann, dessen Körperhaltung schlaff und Bewegungen verlangsamt wirkten. Ein junger übergewichtiger Mensch, der nur sehr undeutlich sprach und bei körperlicher Bewegung zitterte. „Wir vermuteten eine Beeinträchtigung durch die Medikamente, die Michael nehmen musste“, erklärt Rosalinde Pimon, Bereichsleiterin der Bewohnervertretung in Oberösterreich.

Psychopharmaka keine Seltenheit
Dass junge Menschen Psychopharmaka verabreicht bekommen, ist gar nicht so selten. Das zeigt sich auch bei den Meldungen der Kinder- und Jugendeinrichtungen an die Bewohnervertretung seit dem 1. Juli. „Mehr als die Hälfte der 600 bisher eingegangenen Meldungen betreffen Medikamente, und das ist erst der Anfang. Wir rechnen noch mit einem Vielfachen davon“, zeigt sich Susanne Jaquemar, Fachbereichsleiterin Bewohnervertretung, besorgt. 

Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen werfen eine Reihe von Fragen auf. Das beginnt z.B. mit der Tatsache, dass es nur sehr wenige Medikamente gibt, die tatsächlich für unter 18-Jährige zugelassen sind. Es gibt kaum wissenschaftliche Erfahrungswerte, was Nebenwirkungen und Langzeitfolgen betrifft. „Psychopharmaka sollten immer Teil eines Therapieplans sein und überwiegend als Unterstützung für andere Therapien dienen“, erklärt Rosalinde Pimon. „Wir erleben jedoch oft, dass Medikament um Medikament verabreicht wird, ohne dass ein konkretes Therapieziel erreicht wird. Es werden nur unangenehme Verhaltensweisen unterdrückt, mit der Konsequenz, dass die sedierende Wirkung des Medikaments im Vordergrund steht.“

Freiheitsbeschränkung durch Psychopharmaka
Solchen Umständen geht die Bewohnervertretung intensiv nach. Denn stehen zum Beispiel die dämpfende Wirkung, das Ruhigstellen oder die Unterbindung des Bewegungsdrangs einer Bewohnerin oder eines Bewohners im Vordergrund der Medikamentenverabreichung, dann handelt es sich um eine sogenannte Freiheitsbeschränkung durch Medikation.

„Für Michael haben wir eine gerichtliche Überprüfung anregt“, erzählt Pimon. Im folgenden Verfahren stellte ein gerichtlicher Sachverständiger fest, dass die Psychopharmakatherapie sinnlos sei, weil sie keinen Effekt zeige. Denn trotz der stetig erhöhten Dosierung des Medikaments, setzten sich die Verhaltensstörungen immer stärker durch.

Weitere Folgen
Die Bewohnervertretung ist in ihrer Arbeit auf den Aspekt der Freiheitsbeschränkung fokussiert. Sie sieht dabei auch, was die Folgen einer langjährigen, kombinierten Psychopharmakatherapie für junge Menschen bedeuten. „Fettleibigkeit, Brustwachstum bei Burschen und verzögertes Einsetzen der Pubertät sind Nebeneffekte, die auftreten können“, berichtet Rosalinde Pimon aus der Praxis.


Zukunftschancen sichern
„Wir nehmen den Tag der Kinderrechte zum Anlass, um auf dieses sensible Thema, das uns in der Vertretungsarbeit beschäftigt, aufmerksam zu machen“, erläutert Fachbereichsleiterin Susanne Jaquemar. „Gerade fremduntergebrachte Kinder brauchen eine unabhängige Institution, die für ihre Rechte sehr konsequent eintritt. Als Bewohnervertretung machen wir genau das.“ 

Die Arbeit der Bewohnervertretung trägt dazu bei, dass insbesondere Psychopharmaka auf ihre Notwendigkeit und Dosierung hinterfragt werden. Das führt mitunter dazu, dass alternative Therapiemöglichkeiten erprobt werden und sich so die Lebensqualität von jungen Menschen wie Michael deutlich verbessert.

„Wir fordern einen sensibleren und wachsameren Umgang von Ärztinnen und Ärzten sowie pädagogischem Personal beim Einsatz von Psychopharmakatherapien bei Kindern und Jugendlichen. Denn es geht hier darum, Zukunftschancen für junge Menschen sicherzustellen – unabhängig von einer möglichen Beeinträchtigung“, so Susanne Jaquemar abschließend.

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