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Susanne Jaquemar bei „Talk im Hangar-7“

ExpertInnen diskutierten zu „Problemfall Pflege – Betrug an Alt und Jung?“

Susanne Jaquemar

Am 6.11. um 22:15 Uhr begrüßte „ServusTV“ die Fachbereichsleiterin der Bewohnervertretung Susanne Jaquemar zum „Talk im Hangar-7“. In einer ExpertInnenrunde diskutierte sie unter dem Titel „Problemfall Pflege – Betrug an Alt und Jung?“ über die Pflegesituation in Österreich. Im Mittelpunkt des Talks stand die Frage nach der Qualität in der Pflege, in den Pflegeeinrichtungen sowie der Seriosität von Vermittlungsagenturen von Pflegepersonal.

In der Sendung diskutierten unter der Moderation von Helmut Brandstätter neben der Fachbereichsleitung der Bewohnervertretung ein Pflegewissenschaftler, ein Pflegekritiker aus Deutschland, der Vereinsobmann einer Betroffenengruppe, der Geschäftsführer der größten privaten Pflegeeinrichtungskette Österreichs sowie ein Pflegeexperte des Sozialministeriums über den „Problemfall Pflege“.* In einem Einspieler zeigte ServusTV auch die Arbeit der Bewohnervertretung in Salzburg/Tirol (Erich Wahl und Stefan Hödlmoser).

Die Fachbereichsleiterin der Bewohnervertretung Susanne Jaquemar stellte zu Beginn des Talks die Tätigkeiten und Kompetenzen der Bewohnervertretung vor. Die Hauptaufgabe dieser sei es, darauf zu achten, dass die BewohnerInnen so wenig wie möglich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt werden. In der Zuständigkeit der Bewohnervertretung liege es deshalb, alle Pflegeeinrichtungen zu besuchen und zu kontrollieren, aber auch den selbst eingebrachten Meldungen der Einrichtungen über freiheitsbeschränkende Maßnahmen nachzugehen. Die Fachbereichsleiterin verbildlichte die Hilflosigkeit, die betagte Menschen in Pflegeheimen durch beschränkende Maßnahmen oft erleben - beispielsweise durch Lifte mit unklaren Bedienungsmechanismen, verschlossene/schwer zu öffnende Türen, Bettgitter oder die Gabe von Psychopharmaka. Viel zu oft seien Krankenhäuser auch höchst unzureichend für ältere Menschen eingerichtet, kritisierte Susanne Jaquemar: „Ein alter Mensch kommt ins Krankenhaus: er ist verwirrt, wird nicht verstanden, wird noch erregter, wird fixiert, dann bekommt er Psychopharmaka und mit den Psychopharmaka kommt er dann nach Hause.“

Menschenzentrierte Pflegekultur

Die Fachbereichsleiterin unterstrich in der weiteren Diskussion die Unerlässlichkeit der Bewohnervertretung als Qualitätssicherung in den Pflegeeinrichtungen. Ähnlich qualitätssichernde Maßnahmen seien auch bei der 24 Stunden-Pflege in den eigenen vier Wänden zu überlegen und ratsam. Außerdem müsse der Gedanke der „Caring Community“ mehr in den Vordergrund gerückt werden: „Es ist ein Auftrag an uns alle, an die gesamte Gesellschaft, dass wir den Menschen im Fokus haben und wir seinen Bedürfnissen und Wünschen möglichst nachkommen“, so Susanne Jaquemar.

In den Einrichtungen müsse grundsätzlich eine ausreichende Anzahl von qualifizierten Pflege- und Betreuungspersonen zur Verfügung stehen, die bereit sind, ihr eigenes Handeln zu reflektieren und zu ethischen Grundsätzen verpflichtet werden. Von zentraler Bedeutung sei vor allem aber auch die generelle Pflegekultur der jeweiligen Institution. Eine Grundhaltung, die der/dem Betroffenen zugewandt ist und die Individualität des Menschen in den Mittelpunkt stellt und respektiert, sei für ein gutes Leben unabdingbar. Dazu gehöre zum Beispiel die Akzeptanz eines persönlichen Tagesrhythmus: „Wenn der Bewohner/die Bewohnerin erst um 24 Uhr schlafen gehen will und vielleicht auch bis 10 Uhr vormittags schlafen möchte – dass das respektiert wird und auch nicht alle bereits um 18.30 Uhr ins Bett gebracht werden müssen. Es geht um die Haltung, die Einstellung von der Leitung bis zur Pflegekraft…und auch die Supervision ist ganz, ganz wichtig“, unterstrich Jaquemar.

Noch immer existieren (zu) viele Institutionen, in denen sehr viele Beschränkungen, durch beispielsweise Psychopharmaka, gemeldet werden. Die Gespräche mit den BewohnervertreterInnen setzten Verbesserungen hier in Gang.

Zu viele Psychopharmaka für betagte Menschen

Besonders der hohe Einsatz von Psychopharmaka bei alten Menschen müsse zukünftig noch viel mehr hinterfragt werden. Studien des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherung zufolge erhalten über 65-jährige Menschen 50% aller in Österreich verordneten Psychopharmaka, so Susanne Jaquemar. Wenn betagte Menschen unruhig werden, schreien, herumirren oder aggressiv werden und damit den Einrichtungsbetrieb stören, würde allzu oft zu dieser freiheitsbeschränkenden Maßnahme gegriffen, um den Tagesablauf aufrecht zu erhalten und das Pflegepersonal zu entlasten. Die Vergabe von Psychopharmaka zur Sedierung ist jedoch nur dann zulässig, wenn eine tatsächliche Gefährdung besteht. Häufig seien Verhaltensweisen bei Menschen mit Demenz, wie z.B. lautes Schreien, aber eine Form der Kommunikation, die man ernst nehmen sollte, da der Auslöser auch eine Schmerzsituation sein könnte, verdeutlicht die Fachbereichsleiterin. Ein massives Umdenken und mehr Sensibilität aller betroffenen Personengruppen bezüglich des Umgangs mit Psychopharmaka bei SeniorenheimbewohnerInnen sei deshalb unerlässlich.

Susanne Jaquemar sieht jedoch auch ein ganz grundsätzliches Problem in der Institution „Heim“, da diese eine Form der totalen Institution mit einem klaren Regelablauf darstelle. Nur in den seltensten Fällen geschähe eine Übersiedelung in eine Pflegeeinrichtung freiwillig. Heime stellten darum keine ideale Lösung für betagte Menschen dar. Wenn eine Umsiedelung aber unumgänglich ist, seien es vor allem die kleinen Einrichtungen mit überschaubaren Strukturen, die sich als „Best Practice“ Beispiele hervorheben.

Die Fachbereichsleiterin appelliert betagte oder andere pflegebedürftige Personen zu unterstützen, damit sie mit guter Pflege in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben können. Wichtig sei allerdings, dass es darüber hinaus ein möglichst vielfältiges Angebot an anderen Wohnmöglichkeiten mit Unterstützung, Pflege und Betreuung gibt, zwischen denen der alte Mensch dann bewusst wählen kann. Die Möglichkeit von Mehrgenerationenwohnen sollte immer zur Verfügung stehen.

Abschließend weist sie noch auf den bisherigen Erfolg der Bewohnervertretung in den Pflegeeinrichtungen hin: „Am Anfang unserer Tätigkeit waren 25% der BewohnerInnen mit Gurten im Bett fixiert, mit Seitenteilen und Bettgittern beschränkt und/oder durch Psychopharmaka sediert. Heute sind es nur mehr 14% der BewohnerInnen - d.h. durch die Arbeit der Bewohnervertretung ist sehr viel in Bewegung gekommen. Die BewohnerInnen sind aktiver geworden -  es ist eine deutliche Verbesserung sichtbar!“  Die Bewohnervertretung werde auch zukünftig für die BewohnerInnen, die Angehörigen und für das Pflegepersonal zur Verfügung stehen.

*Weitere Gäste:
Anton Kellner - Geschäftsführer der privaten Pflegeheimkette "SeneCura"
Claus Fussek - Deutschlands bekanntester Pflegekritiker
Martin Staudinger - Pflege-Experte im österreichischen Sozialministerium
Jürgen Holzinger - Obmann des Vereins "Chronisch Krank"
Jürgen Osterbrink - Pflegewissenschaftler.

Link:
Die Sendung steht für mehrere Wochen unter folgendem Link zur Verfügung: www.servustv.com/at/Medien/Talk-im-Hangar-773

Aus der Sendungsankündigung von ServusTV: Pflegedürftige Menschen, ob zu Hause oder im Heim, unterliegen immer mehr einem profitorientierten System, was dramatische Folgen nach sich zieht: Dubiose Agenturen vermitteln unqualifizierte Pflegekräfte, das Pflegepersonal in den Heimen ist überfordert, betagte und/oder pflegebedürftige Menschen werden freiheitsbeschränkenden Maßnahmen unterworfen und immer häufiger mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Das System droht zu kollabieren, die Pflege ist unterfinanziert und die Situation spitzt sich weiter zu: im Jahr 2030 werden sich die öffentlichen Ausgaben für die Pflege in Österreich mehr als verdoppelt haben.

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